Archiv BDFaktuell
12 / 2008

Grundsätze, Vorgaben und Praxis im forstfiskalischen Jagdbetrieb Hessens

von Hans-Kurt Köhler 17.12.2008

Wie sich die Zeiten ändern und wir mit ihnen

Im März 2008 hat sich HESSEN-FORST eine neue Geschäftsanweisung mit dem Titel "Schalenwildbewirtschaftung – wald- und wildgerecht" (GA 01/2008) gegeben. Enthalten sind hierin Zielvorgaben und Regelungsdetails des Geschäftsfeldes Jagd sowie erstmals auch die Beschreibung von möglichen Konsequenzen bei mangelnder Zielerreichung.

Diese neue GA steht damit in einer Abfolge von zahlreichen Anweisungen, Erlassen und Verfügungen, mit denen der Forstfiskus die Nutzung, Ausübung und Verwaltung der Jagd auf seinen eigenen Flächen geregelt hat.

Nachfolgend soll dargestellt werden, wie sich – von der Jagdnutzungsanweisung 1939 bis zur vorerst letzten Geschäftsanweisung - im Laufe der letzten rd. 70 Jahren nicht nur die Ausdrucksweise, sondern auch die Ziele und Grundsätze wie auch die Aufgaben und Durchführung bei der Nutzung der fiskalischen Jagd verändert haben.

Die Zuständigkeit für das Forst- und Jagdwesen war mit Gesetz vom 3.7.1934 von den Ländern und Provinzen auf das Reich (Reichsforstamt/Reichsjagdamt) übergegangen.

Jagdverwaltung und Jagdbetrieb, Jagdausübung, Pflege des jagdlichen Brauchtums und die jagdliche Haltung der Jäger sollen in den Staatsforsten mustergültig sein; so steht es in der Jagdnutzungsanweisung (JNA) für die Staatsforsten 1939. Diese JNA wurde maßgeblich ausgearbeitet und formuliert von dem damaligen Referenten im Reichsjagdamt, Oberlandforstmeister Fritz Nüßlein (nach dem Krieg Prof. für Jagdkunde an der Forstlichen Fakultät in Hann.-Münden) und hatte seinerzeit Gültigkeit im ganzen Reichsgebiet einschließlich Österreichs. Zur Begründung wurde darin ausgeführt: Da der Forstverwaltung die größte einheitlich verwaltete Jagdfläche im Reich untersteht, ist die Bewirtschaftung dieses Jagdgebiets für die gesamte Jagd von hervorragender Bedeutung. Der Wildbestand soll nach Art und Umfang den gegebenen Lebensbedingungen angepasst und mit den berechtigten Ansprüchen der Land- und Forstwirtschaft auf Verhütung von Wildschäden vereinbar sein. In diesem Rahmen sollen nach den anerkannten Grundsätzen der Hege zusammengesetzte Bestände von gesundem und starkem Wild gehegt werden.

Daraus ergab sich die konsequente Folgerung: Um die Durchführung dieser Grundsätze zu sichern, ist die Jagd in der Regel durch Selbstverwaltung (Verwaltungsjagd) nutzbar zu machen. Verpachtungen bedurften der Genehmigung des Reichsjägermeisters, der in Personalunion auch Reichsforstmeister war.

Auch zu der auch heute noch andauernden Diskussion über die tragbare Wilddichte äußerte sich die JNA: Die Höhe der Wildbestände ist nach oben so zu begrenzen, dass über- mäßige Schäden am land- und forstwirtschaftlichen Anbau vermieden werden; nach unten, dass das heimische Wild in angemessener Zahl erhalten bleibt.

Praxisnahe, teilweise bis ins Einzelne gehende und auch heute noch nützliche Anweisungen für die Hege und die Verminderung von Wildschäden lauteten z.B.:

Wo der Wald dem Wild nur dürftige Lebensbedingungen bietet, ist für die Verbesserung der Äsungsverhältnisse zu sorgen, um den Wildschaden im Wald zu vermindern und das Wild von den Feldfluren fernzuhalten. Neben der Anlage von Wildäckern und Wildwiesen und der entsprechenden Pflege sonstiger der Holzzucht nicht dienenden geeigneten Flächen, z.B. Feuerschutzstreifen, ist im Rahmen des Forstbetriebs, z.B. durch Schonen und Vermehren der Weichhölzer, Erhaltung von Mastbäumen an Wegen und Schneisen, Pflanzung von Beerenobst, Vogelbeere und Rosskastanie, Düngen von Gestellen und grasigen Wegen und Schneisen, Freihauen der Weglichtungen, Einlegen von Waldfeldbau und dergleichen eine Verbesserung der Äsung anzustreben.

Im Winter ist das Wild zu füttern, wenn es die Witterungsverhältnisse notwendig machen. Das Wildfutter ist, soweit möglich, selbst zu gewinnen. Vielfach kann durch Fällen von Proßholz geholfen werden. Salzlecken sind zu errichten und Salzlecksteine auszulegen.

Zu den Jagdarten wurde angeordnet: Die Jagd auf Schalenwild – mit Ausnahme des Schwarzwildes – soll in der Regel zur Ermöglichung des Wahlabschusses auf der Einzeljagd ausgeübt werden.

Treib-, Drück- und Riegeljagden sollen nur abgehalten werden, wenn der Erlös aus dem Wild voraussichtlich die Kosten deckt. Andererseits dürfen sie aber nicht unterlassen werden, wenn sie notwendig sind, um den Abschuss zu erfüllen, einen übermäßigen Raubwildbestand kurz zu halten oder Wildschäden zu verhüten.

Zur Jagdausübung und die Abschussvergabe an die Forstbeamten ergingen klare Anweisungen, so z.B. war der Jagdleiter (Forstamtsleiter) verpflichtet, sich am Abschuss in der von ihm geleiteten Verwaltungsjagd zu beteiligen. Für die Bezirksbeamten (Revierförster) ist die Mitwirkung beim Jagdbetrieb Dienstpflicht.

Der Abschuss selbst wurde aufgeteilt in solchen, der zur Verfügung des Forstamtes steht, in solchen, über den die höhere Forstbehörde verfügt und solchen, über den der Reichsjägermeister verfügt.

Der Jagdleiter ist verpflichtet, den zur Verfügung des Forstamts stehenden Abschuss an guten Hirschen und Böcken und an Waldhähnen alljährlich rechtzeitig angemessen zu verteilen.

Bemerkenswert war die Auffassung, dass die Freigabe eines solchen Abschusses auch die Anerkennung für die allgemeine Dienstführung des Beamten ist.

Die Freigabe eines guten Hirschen oder eines Rehbocks der Klasse A, selbst schon die Aussicht darauf, war Anerkennung, Motivation und Leistungsanreiz und – zudem wesentlich billiger als eine Beförderung!

Zum Abschuss in der Verwaltungsjagd (Einzeljagd und Treib- und Drückjagden) konnten Jagdgäste zugelassen werden.

Grundsätzlich galt jedoch, dass die Gewähr für die gebotene Auswahl beim Abschuss, für die Erfüllung des festgesetzten Abschusses und für einen geordneten Jagd- und Forstbetrieb überhaupt erfordert, dass der Abschuss – vor allem beim Schalenwild – zum überwiegenden Teil von den Forstbeamten durchgeführt wird.

Bestimmungen für die verwaltungsmäßige Behandlung (Jagdbetriebsplan, Streckenbuch, Streckenmeldung, Abschusslisten, Wildnachweisung, Vereinbarung über Wildfolge und Wildschäden, Bewertungsformeln der Jagdtrophäen, Schussgeld (z.B. Rotwild: 0,80 RM, Schwarzwild: 2,-- RM, Wolf: 30,-- RM) und für die Verwertung von Wild und Wildbret vervollständigten diese umfangreiche Jagdnutzungsanweisung.

Nach Ende des Krieges 1945 war die Jagdausübung durch deutsche Jäger nicht möglich, alle Jagdwaffen wurden von den Besatzungsmächten eingezogen und zum größten Teil vernichtet; der Besitz von Waffen aller Art war für Deutsche mit drastischen Strafandrohungen (anfangs sogar Todesstrafe) belegt. Die in dieser Zeit Jagenden waren nicht an gesetzliche Vorgaben und an keine deutsche jagdliche Ordnung gebunden; Schonzeiten, die Verpflichtung zu Nachsuchen, die Verwendung geeigneter Schusswaffen wurden kaum beachtet, noch viel weniger die Berücksichtigung von Geschlechter- oder Altersverhältnissen; so gerieten insbesondere die Schalenwildbestände in manchen Gebieten in ein erhebliches Ungleichgewicht. Überlegungen der amerikanischen Besatzung zur Demokratisierung des Jagdwesens sahen u.a. die Einführung des Lizenzsystems anstelle des Reviersystems vor, wurden aber zum Glück nicht realisiert.

Im Jahre 1950 erhielten die Jäger in der Bundesrepublik die Jagdhoheit zurück; der legale Erwerb und Besitz von Jagdwaffen war wieder möglich, wenn auch bestimmten Beschränkungen (Gesetz der Alliierten Hohen Kommission) weiterhin bestehen blieben, so waren z.B. keine Gewehre mit einem Kaliber von mehr als 8 mm und einer V0 von über 850 m/sek. erlaubt.

Die Zuständigkeit für das Forst- und Jagdwesen war vom Reich wieder auf die Bundesländer übergegangen.

Im Staatswald des Landes Hessen, das 1945 aus den preußischen Provinzen Kurhessen und Nassau und dem Volksstaat Hessen gebildet wurde, war weiterhin ein beträchtlicher Anteil des Abschusses (zunächst 50% des männlichen Schalenwildes) für die Angehörigen der amerikanischen Streitkräfte vorbehalten. Grundlage hierfür war die Vereinbarung über die Ausübung der Jagd in den Ländern Baden-Württemberg, Bayern und Hessen durch Mitglieder der ausländischen Streitkräfte vom 10. November 1952. Diese Vereinbarung wurde in den folgenden Jahren – zuletzt 1982 - den veränderten Verhältnissen angepasst; die Abschussvorbehalte für die Angehörigen der US-Army wurden allmählich abgesenkt (z.B. 15% für männliches Rotwild, 20% für männliches Rehwild), eine Jägerprüfung als Voraussetzung für den deutschen Jagdschein eingeführt und hinsichtlich der Zahlung von Jagdbetriebskosten wurden die amerikanischen Jäger den deutschen gleichgestellt. Offiziell gekündigt wurde diese Vereinbarung nicht, jedoch durch die politische Entwicklung faktisch gegenstandslos.

Die jagdrechtlichen Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland wurden durch das Bundesjagdgesetz vom 29.11.1952 mit Wirkung vom 1.4.1953 als Rahmengesetz neu geordnet und damit das Reichsjagdgesetz von 1934 (in der amerikanischen Besatzungszone schon 1948 aufgehoben) abgelöst.

Nach dem Hess. Ausführungsgesetz zum Bundesjagdgesetz und der Durchführungsverordnung wurden die Befugnisse und Aufgaben der Jagdbehörden für die Staatsforsten und in Jagdbezirken, in denen die Jagdausübung dem Land Hessen zustand, von den zuständigen Forstbehörden wahrgenommen. Seit dem 1.1.2000 ist die Untere Jagdbehörde beim Landrat als Behörde der Landesverwaltung auch für die staatlichen Verwaltungsjagdbezirke zuständig.

Die JNA 1939 galt nach dem Ende des Krieges 1945 in Hessen – wie auch in anderen Bundesländern - zunächst weiter und wurde in den kommenden Jahren leicht abgeändert und den neuen Verwaltungsstrukturen angepasst.

Am 21. November 1977 wurde eine Anweisung über die Verwaltung, die Nutzung und den Betrieb in den hessischen Staatsforsten (Jagdnutzungsanweisung – JNA -) erlassen und damit die JNA 1939 außer Kraft gesetzt.

In den darauf folgenden Jahren wurde diese hessische JNA mehrfach neu gefasst, umformuliert und durch Grundsatzerlasse ergänzt. Zu einer Änderung in der Verwalttungsstruktur der hessischen Landesforstverwaltung kam es im Jahre 2001 mit der Einrichtung von HESSEN-FORST, einem Landesbetrieb nach § 26 der Landeshaushaltsordnung, dessen Aufgaben in einer Betriebssatzung festgelegt sind. Hierzu zählt auch die Ausübung und Nutzung des dem Landesbetrieb zustehenden Jagdrechts; Ziele, Grundsätze und Aufgaben werden von HESSEN-FORST jetzt in sog. Geschäftsanweisungen geregelt, die – anders als früher üblich, nicht mehr im Entwurfsstadium z.B. mit dem Landesjagdverband diskutiert und auch nicht veröffentlicht werden.

Überblickt man die Entwicklung des Jagdwesens im hessischen Staatswald – ausgehend von der JNA 1939 bis zur letzten Geschäftsanweisung von HESSEN-FORST 01/2008 - so zeigt sich in manchen Bereichen eine bemerkenswerte Wandlung bei den Zielen und Grundsätzen wie auch bei deren Umsetzung, in Teilbereichen auch eine gewisse Kontinuität.

Höhe der Wildbestände:

Während die JNA 1939 Angaben enthielt, wie die Höhe der Wildbestände nach oben und nach unten zu begrenzen ist (s.o.), definierte die hess. JNA von 1977 folgendermaßen:

Der Wildbestand ist so zu hegen, dass er artenreich, zahlenmäßig ausgewogen und gesund erhalten bleibt. Den berechtigten Ansprüchen der Land- und Forstwirtschaft auf Schutz gegen Wildschäden muss dabei Rechnung getragen werden. Die waldbauliche Bewirtschaftung der Staatsforsten ist vorrangig…. Die ordnungsgemäße Bewirtschaftung des Wildbestandes ist zugleich eine wichtige Maßnahme des Forstschutzes.

In der JNA 2003 heißt es hierzu:

Es sind Wildbestände herbeizuführen bzw. zu erhalten (der Begriff "Hege" entfiel), die die Verjüngung und Entwicklung von standortgemäßen, gesunden, leistungsfähigen und stabilen Waldbeständen grundsätzlich ohne Schutzvorkehrungen ermöglichen. …

Die Lebensgrundlagen des Wildes sind – auch im Rahmen des Waldbaus – zu pflegen und zu sichern.

Die Geschäftsanweisung 01/2008 erläutert:

Die Abschussplanung ist zwingend an den Ergebnissen der Schälschadensaufnahme und des Verbissgutachtens auszurichten. Solange die vorgeschriebenen Grenzwerte überschritten werden, ist ein konsequenter Reduktionsabschuss im Planungsprozess vorzusehen.

Wahlabschuss, Abschusserfüllung, Beteiligung von Jagdgästen, Verpachtungen:

1939 war man der Ansicht, dass der Abschuss zum überwiegenden Teil von den Forstbeamten durchgeführt werden müsse, um einen gebotenen Wahlabschuss und die Erfüllung des festgesetzten Abschusses zu gewährleisten (s.o.). Jagdgäste konnten unter bestimmten Voraussetzungen zugelassen werden und hatten für die Erlegung eines Stückes Schalenwilds mit Kopfschmuck oder eines Waldhahns einen Jagdbetriebskostenbeitrag zu entrichten (z.B. kostete ein Rothirsch mit 150 Punkten 60,- RM, ein Rehbock mit 100 Punkten 15,-- RM, ein Auerhahn 40,-- RM)

In der JNA 1977 heißt es:

Die Jagden der Staatsforstverwaltung sind grundsätzlich als Verwaltungsjagden zu nutzen, damit jederzeit regulierend in den Wildbestand eingegriffen werden kann.

Verpachtungen sollten nur dann vorgenommen werden, wenn durch ungünstige Lage oder Gestaltung oder wegen zu geringem Umfang die Regiejagd unzweckmäßig ist. Flächen von besonderer waldbaulicher Bedeutung sollten in der Regel nicht verpachtet werden.

Im Rahmen der Verwaltungsjagd werden private Jäger anlässlich von Gesellschaftsjagden, durch Vergabe von Einzelabschüssen und Zuweisung von Pirschbezirken beteiligt sowie zur Jagd auf Raubwild und Raubzeug zugelassen.

Die JNA 2002 fordert:

Zahlende Jagdgäste sind im größtmöglichen Umfang an der Regiejagd zu beteiligen. Dabei sind ortsansässige Jägerinnen (es wird erstmals konstatiert, dass es auch Jägerinnen gibt!) und Jäger grundsätzlich zu bevorzugen. Die Teilnahme an Gesellschaftsjagden kann Gästen weiterhin ohne die Erhebung von Standgeldern ermöglicht werden. Darüber hinaus sollen jedoch zur Steigerung der Einnahmen auch Gesellschaftsjagden für zahlende Jagdgäste angeboten und durchgeführt werden.

In der JNA 2003 heißt es, dass so viele Jagdgäste wie möglich zu beteiligen sind.

Lange Zeit war man also der Ansicht, dass die Abschusserfüllung und der Wahlabschuss nur durch die eigenen Mitarbeiter sicherzustellen sei und Jagdverpachtungen nur in Ausnahmefällen zu verantworten seien. Hier ist – hauptsächlich im letzten Jahrzehnt - eine Veränderung eingetreten: Die durch Gäste erreichten Streckenanteile wurden stetig erhöht mit dem Ziel, mindestens 60% des Schalenwildes und mindestens 75% bezogen auf die qualifizierten Trophäenträger durch Gäste zu erlegen. Derzeit sind diese Vorgaben tw. schon übererfüllt, so bei den qualifizierten Trophäenträgern (rd. 100%), mit der Folge, dass "normale" Forstbeamte nicht mehr mit einer (kostenlosen) Freigabe rechnen können.

Zur Beteiligung von Privatjägern wurden in Laufe der Zeit verschiedene Modelle und Angebote entwickelt und vermarktet: Von den Einladungen zu Gesellschaftsjagden (ohne und mit Standgeld), Vergabe von Einzelabschüssen, Einweisung in sog. Pirschbezirke, Erlaubnis zur "Raubzeugbekämpfung", Vergabe von "Pauschalscheinen", Kurzjagdangeboten (Wochenenden, Ansitztage), Exklusivjagden (für Jagdgesellschaften, Firmen, Veranstalter), dem neuen einjährigen Jagderlaubnisschein-Spezial bis hin zu der Verpachtung von Kleinrevieren auf zehn Jahre.

Bemerkenswert ist, wie es hinsichtlich der Verpachtungen von staatlichen Revieren im Laufe der Zeit zu einer gegensätzlichen Meinungsbildung kam: Die JNA 1977 übernahm noch weitgehend die Vorgaben der JNA 1939, wonach Verpachtungen als Ausnahme von der Regel der Nutzung in Eigenregie galten. In diesem Zusammenhang sind die Ausführungen des Fachministers interessant, der auf eine Kleine Anfrage im Hessischen Landtag (LT-Drucks. 7/1920) antwortete: Nach Ansicht der Landesregierung ist es aus sozialen Gründen und mit Rücksicht auf die Belange der Land- und Forstwirtschaft nicht vertretbar, weitere Jagdbezirke zu verpachten. Zur Begründung führte der Minister aus, dass eine weitere Verpachtung zwangsläufig dazu führe, dass eine Beteiligung der Jäger auf breiter Basis – mehr als 10.000 private hessische Jäger erhalten Jagdmöglichkeiten in der staatlichen Verwaltungsjagd - und somit aus den sozial schwächeren Schichten immer mehr eingeengt würde. Eine weitere Reduktion der in Eigenregie betriebenen Jagden müsse zu einer verminderten Einflussnahme auf die Wilddichte führen, so dass die berechtigten Ansprüche der Land- und Forstwirtschaft auf Schutz gegen Wildschaden nicht mehr gewahrt werden könne. Selbst der Landesrechnungshof kam 1962 zu der Auffassung, dass die Verwaltungsjagden mindestens in dem derzeitigen Umfange bestehen bleiben sollten.

HESSEN-FORST hat sich das Ziel gesetzt, die Verpachtungsfläche von derzeit rd. 26% um jeweils 1% jährlich - das sind rd. 3000 ha - pro Jahr zu erhöhen.

Einstellung der Forstverwaltung und der Forstleute zur Jagd:

Ausgehend von der historischen Entwicklung des Berufsbildes war die Kombination Förster/Jäger bis weit in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts lange Zeit eine Selbstverständlichkeit. Nicht nur für die Beamten im Außendienst der Forstämter, sondern auch für die Forstbeamten in den Regierungs- und Ministerialforstabteilungen gehörten Jagdschutz und Jagdbetrieb zu den Dienstpflichten. In Hessen, wie auch in anderen Bundesländern, waren darüber hinaus häufig auch die Fachminister und Staatssekretäre praktizierende Jäger, was sich entsprechend auf den politischen Stellenwert der Jagd auswirkte.

Nachdem seit 1950 wieder ein geordneter Jagdbetrieb möglich war, gingen die Forstleute daran, die forstlichen Wunden des Krieges und der Nachkriegszeit (Überhiebe, Brennholz- und Reparationshiebe, Insekten- und Sturmkalamitäten) durch großflächigen Aufforstungen zu beseitigen und gleichzeitig auch die in Unordnung geratenen Wildbestände wieder einer geregelten Bewirtschaftung zuzuführen. So gelang es beispielsweise, die Übervermehrung des Schwarzwildes mit den enormen Schäden in der Landwirtschaft innerhalb von 5 Jahren auf ein vertretbares Maß zu reduzieren.

Für Reh- und Rotwild gab es auf den großen Freiflächen und den anschließenden Kulturen hervorragende Äsungsmöglichkeiten und in den großen Dickungskomplexen der nachfolgenden Jahre beste Einstände. Dies führte zu einerseits zu einem Anwachsen der Wildbestände und andererseits zur einer Erschwerung der Jagdausübung. Gleichzeitig mit den Heranwachsen der Kulturen nahm der Wildverbiss zu und in den Dickungen und Stangenhölzern das Schälen. So kam es zwischen 1960 und 1980 zu einem enormen Anstieg der Haushaltsausgaben: Die Ausgaben für Kulturgatter, Fege-, Verbiss- und Schälschutzmaßnahmen erreichten hierbei 80% der Gesamtausgaben für Forstschutz im Etat der Landesforstverwaltung.

Die breite Öffentlichkeit erreichte diese Problematik durch die TV-Sendung des Journalisten Horst Stern "Bemerkungen über den Rothirsch", welcher nicht zu schonen, sondern totzuschießen ist (Weihnachten 1971).

Weiteren Zündstoff enthielt ein Gutachten des Hess. Rechnungshofes aus dem Jahr 1991, in dem die Einnahmen und Ausgaben aus der staatlichen Verwaltungsjagd einschließlich der Wildschutzgebiete Reinhardswald, Edersee und Kranichstein geprüft und beurteilt wurden. So wurde u.a. moniert, dass trotz einer Steigerung der Abschusszahlen bisher keine Wilddichte erreicht wurde, die einem geordneten Beziehungsgefüge zwischen Wald und Wild auch nur annähernd entsprechen würde, denn die Aufwendungen zum Schutz gegen Wildschäden müssten ständig erhöht werden. Es wurde u.a. gefordert, dass sich die Forstverwaltung umgehend zu einer grundlegenden Änderung der derzeitigen Jagdpraxis entschließt … für die drastische Heraufsetzung der Abschusszahlen und zwar solange, bis die Verbissbelastung spürbar zurückgeht … von einer nachhaltige Reduktion kann erst dann gesprochen werden, wenn trotz gleich bleibend hoher Intensität bei der Jagdausübung die Erfüllung der Abschusspläne nicht mehr sichergestellt werden kann.

Bei den örtlichen Erhebungen musste der Rechnungshof katastrophale Verbiss- und Schälschäden am Wald feststellen. Mit der betriebswirtschaftlichen Bedeutung dieser Schäden und den damit verbundenen Verlusten setzen sich bisher nur wenige Forstamtsleiter in gebotener Weise auseinander. Bei der monetären Bewertung der Wildschäden durch Rotwildschäle ergaben sich alarmierende Waldvermögensverluste. Immerhin kam der Rechnungshof zu der Überzeugung, da aus Gründen des Naturschutzes und der Landschaftspflege das Vorhandensein eines artenreichen und gesunden Wildbestandes grundsätzlich erwünscht ist, scheidet die völlige Ausrottung des Rotwildes als sicher erfolgreiche Maßnahme zur nachhaltigen Verminderung der Verluste aus.

Auch um die Arbeitsbelastung der Forstbeamten durch die Wildbestandbewirtschaftung und die Führung von Jagdgästen mit den daraus resultierenden negativen Auswirkungen auf den gesamten Dienstbetrieb hat sich der Rechnungshof gekümmert. Er schlug dabei vor, in Forstämtern mit hohen jagdlichen Belastungen Stellen mit ausschließlich jagdlicher Prägung im Bereich des mittleren Dienstes zu schaffen.

Die Aufzählung von Einzelfällen, bei denen der Rechnungshof dringend Änderungen anmahnte, z.B. die Führung von Jagdgästen wegen der zu großen zeitlichen Beanspruchung der Bediensteten zu unterlassen, nicht gerechtfertigte und übermäßige Fütterungen, die nicht korrekte Verbuchung von Jagdausgaben bei anderen Haushaltsstellen und dergl.

vervollständigten den Bericht. Nach den Vorschriften gehen diese Prüfungsmitteilungen der Landesregierung zur Stellungnahme zu. In diesem Fall jedoch gelangten sie widerrechtlich an die Öffentlichkeit und führten in der Presse, den Jagdzeitungen und im politisch-parlamentarischen Umfeld zu einer heftigen und teilweise unsachlichen Diskussion.

Die Landesforstverwaltung reagierte in den Folgejahren mit einer wesentlichen Reduzierung der Aufwendungen gegen Wildschäden (Kulturgatter, Verbiss- und Schälschutzmaßnahmen) und für Fütterungen, sowie mit Verbesserungen auf der Einnahmeseite und einer nennenswerten Erhöhung der Abschusszahlen beim Schalenwild (Anpassung der Wildbestände an ihre Lebensräume).

Das Rehwild, ganz besonders aber das Rotwild wurde in den Kreisen von Fundamental-Ökologen, Hochschulprofessoren, Waldbesitzern und auch bei einer Reihe von Forstleuten zum "Schädling", zum "Großen braunen Rindenfresser" und zum "Waldvernichter". Entsprechend wurden "moderne und effektive Jagdstrategien", "technisch ausgereifte und wirkungsvolle Jagdmethoden" gefordert, die zudem geringe Aufwendungen erfordern und hohe Erträge bringen. Dazu bedarf es eines "strategisch gut aufgestelltem Jagdmanagments". Dem Vernehmen nach sollen unsere Jagdklassiker allein schon wegen dieser Wortschöpfungen im Grabe rotieren!

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang eine Äußerung des damaligen Leiters der hess. Landesforstverwaltung, Dr. Wolfgang Dertz, der 1990 einräumte, dass junge Forstleute heute mit einem gewissen Hass auf Wild von der Universität (Göttingen) in die Praxis kommen. Sie müssen lernen, dass sie mit Wald und Wild leben müssen.

Haben diese jungen Leute, die inzwischen teilweise Entscheidungsträger sind, es gelernt?

Durch die verschiedenen Organisationsreformen der Landesforstverwaltung in den letzten 40 Jahre stieg die Größe der Dienstbezirke stark an; so hatte beispielsweise 1970 eine Revierförsterei 600 bis 700 ha, heute liegt die durchschnittliche Größe bei 1600 bis 1800 ha. Mit der Größe stiegen zugleich mit den flächengebundenen betrieblichen und Dienstleistungsaufgaben der Forstleute auch die Abschussvorgaben beim Schalenwild und anteilig der erforderliche Zeitaufwand zur Erfüllung der Abschusspläne, für Einweisung und Betreuung von Jagdgästen, für die Organisation und Durchführung von Gesellschaftsjagden, Hundehaltung, Nachsuchen, Mitarbeit in den Hegegemeinschaften und Jagdbeiräten u.dgl. Es leuchtet wohl jedem ein, dass dies alles nicht in der regulären Arbeitszeit zu schaffen ist. Aber auch hier hat die JNA vorgesorgt: Wird bei der Wahrnehmung der Regiejagd (die ja für die Beamten der Forstämter Dienstpflicht ist!) die Wochenarbeitszeit im Sinne der jeweils geltenden Verordnung über die Arbeitszeit von den Bediensteten überschritten (was der Regelfall ist!), können Ansprüche auf Dienstbefreiung als Freizeitausgleich nicht geltend gemacht werden.

Vor diesem geschilderten Hintergrund ist es eigentlich verwunderlich, dass der Großteil der Forstbeamten des Außendienstes sich weiterhin verantwortungsvoll, sachkundig und im positiven Sinne traditionsbewusst den jagdlichen Aufgaben stellt und sich mit einer Rolle als "Schädlingsbekämpfer" nicht anfreunden kann.

Die Jagdausübung durch die Forstbeamten wurde von der Forstverwaltung auch immer als Instrument der Personalführung und Disziplinierung eingesetzt. So sah die JNA 1939 in der Freigabe eines Trophäenträgers auch die Anerkennung für die allgemeine Dienstführung des Beamten. Andererseits konnte der Dienstvorgesetzte Untergebene, die gegen jagdliche Anordnungen verstießen, zeitweise vom Abschuss ausschließen. Auch die JNA 1977 bestimmte, dass bei der Aufteilung des Abschusses von Trophäenträgern der Klasse I bzw. der Klasse A der Einsatz und Erfolg, mit dem sich ein Forstbeamter am Hegeabschuss, an der Führung von Jagdgästen, an der Jagdpflege, insbesondere aber an der Haltung und Führung von Jagdhunden beteiligt, zu berücksichtigen ist.

Besonders kreativ auf diesem Gebiet waren die Väter der neuen Jagd-Geschäftsanweisung 1/2008: Die Verantwortung für die Einhaltung der vorgegebenen ökonomischen und ökologischen Ziele bei der Schalenwildbewirtschaftung liegt bei dem Forstamtsleiter und wird durch eine jährlich von der Landesbetriebsleitung ermittelten Kennziffer beurteilt. Diese ergibt sich aus dem finanziellen Ergebnis der Verwaltungsjagd sowie den Ergebnissen der Schälschadens- und Verbissaufnahme. Bei der Gewichtung dieser Ergebnisse erhält die Wildschadenssituation eine höhere Bedeutung als das monetäre Ergebnis. Bei Unterschreitung von Grenzwerten wird eine Verpachtung oder eine andere alternative Nutzung zwischen 3 und 15% der Regiejagdfläche angedroht – oder, je nach Sichtweise, versprochen. Bei einer wiederkehrenden Unterschreitung werden dienst- rechtliche Konsequenzen für die Hauptverantwortlichen angekündigt. Das Forstamt mit den besten Werten erhält indessen den Titel "Forstamt des Jahres" (HESSEN-FORST sucht das Super-Forstamt!)

Trend zur Kommerzialisierung der Jagd, Außenwirkung:

Die Forstbetriebe aller Besitzarten bemühen sich, besonders in Zeiten schwieriger Holzmärkte, die Einnahmen aus anderen Geschäftsbereichen – in diesem Falle der Jagd – zu steigern. Für den forstfiskalischen Waldbesitz wurde dieser Trend nach Einrichtung des Landesbetriebs HESSEN-FORST deutlich stärker. Noch im November 2000 – kurz vor Einrichtung des Landesbetriebs - erklärte der für das Jagdwesen zuständige Staatsminister Dietzel: Es geht aber auch künftig nicht um Gewinnmaximierung. Im Mai 2001 erläuterte dann der Leiter von HESSEN-FORST, Michael Gerst, dass der Landesbetrieb eine klare, erwerbswirtschaftliche Ausrichtung habe und präzisierte: Er hat sämtliche Leistungen mit dem Ziel der Gewinnmaximierung bzw. der Verlustminimierung zu erbringen.

Staatssekretär Seif äußerte sich im Februar 2004: Dabei geht es nicht um Gewinnmaximierung, sondern um die Überlebensfähigkeit der Forstverwaltung als Wirtschaftsunternehmen. Wohlgemerkt, die drei Herren sprachen von der gleichen Angelegenheit!

Die Einnahmen des Landesbetriebs HESSEN-FORST aus dem Geschäftsfeld Jagd sind im Vergleich zu den Einnahmen aus dem Hauptprodukt Holz gering und liegen zwischen

4 und 5% der Gesamteinnahmen. Monetär wesentlich höher zu veranschlagen, aber aufwändiger herzuleiten sind die Vermögensschäden vor allem durch Schäle und Verbiss mit den sich daraus ergebenden Folgeschäden. Bei der Einnahmesteigerung im Jagdbereich wirken sich der erforderliche produktbezogene Personalaufwand und die hohe Regelungsdichte nachteilig aus. Betriebliche Kostenerwägungen verhindern auf der anderen Seite aber auch wirksame prophylaktische Maßnahmen zur Wildschadensverhütung oder –verminderung z. B. Schäl- und Verbissschutzmaßnahmen, Äsungsflächen, Ruhezonen, sachgerechte Fütterung. So bleibt in der Regel nur die Reduzierung des Wildbestandes - natürlich mit modernen, technisch ausgereiften und effektiven Jagdmethoden - als bequeme und kostengünstige Strategie. Dass auf diesem Wege die geforderte Vorbildfunktion und Mustergültigkeit staatlicher Jagdausübung teilweise abhanden kommt, mag man bedauern, lässt sich aber wohl nicht vermeiden.

Und damit beginnt die Angelegenheit – über die Staatswaldgrenzen hinaus – Wirkung zu zeigen. Zunächst einmal sind die Anlieger, Jagdausübungsberechtigte und Jagdgenossen, direkt betroffen: Was im Staatswald zu einer Einnahmesteigerung beiträgt, führt hier zu einer Beeinträchtigung des Jagdwertes. Bei Verpachtungsanzeigen früherer Jahre konnte man oft den Hinweis finden, dass das Revier eine lange Grenze zum Staatswald habe, was sich dann regelmäßig preiserhöhend auswirkte. Heutzutage lässt sich eher das Gegenteil beobachten. Auch die generelle Zunahme von Verpachtungen staatlicher Reviere hat einen negativen Einfluss auf den Markt der gemeinschaftlichen und privaten Jagdbezirke und die zu erzielenden Pachterlöse. Für Jagdinteressenten ist insbesondere die Anpachtung von staatlichen Kleinrevieren (100 – 150 ha) mit einer festen Wildschadenspauschale gegenüber einem deutlich größeren gemeinschaftlichen Jagdbezirk mit einer unkalkulierbaren Wildschadenssumme oft die bessere und preisgünstigere Alternative.

Die Pächter der an den Staatswald angrenzenden Reviere, vielfach ohne eigene Einstandsflächen, beklagen wegen der staatlichen Reduktionsabschüsse zurückgehende Strecken bei Rot- und Rehwild. Gleichzeitig wird für die anwachsende Schwarzwildpopulation mit den entsprechenden Wildschäden der Jagdausübung in der Verwaltungsjagd die Mitschuld gegeben.

Wenn ein privater Betrieb Geschäftsanweisungen erlässt, betriebswirtschaftliche Erfolge von seinen Mitarbeitern einfordert und Konsequenzen bei Nichterreichen der Ziele androht, so ist das sicher in erster Linie eine interne Angelegenheit. Wenn dies ein Landesbetrieb tut, so interessiert dies auch die Eigentümer, die Bürger und Steuerzahler. Wenn es sich dann noch um jagdliche Angelegenheiten handelt, so sind es die Jäger, die Jagdgegner, die Naturschützer und die Naturnutzer, die Land- und Forstwirte, die Grundeigentümer und viele mehr, die sich - mehr oder weniger sachkundig und oft emotional - in die Diskussion einbringen.

So führen die Zielvorgaben für die Schalenwildbewirtschaftung und die Jagdnutzung in der Verwaltungsjagd des Landesbetriebs HESSEN-FORST, über den Kreis der als Anrainer direkt Betroffenen hinaus zu heftigen Diskussionen zwischen den Förster-Jägern und der privaten Jägerschaft. Hier wurden und werden gegenseitig Vorwürfe erhoben, unrealistische Forderungen gestellt und unredliche Absichten unterstellt.

Auf Grund der Tatsache, dass HESSEN-FORST der größte Eigenjagdbesitzer in Hessen ist - die Gesamtgröße der forstfiskalischen Jagdfläche umfasst ca. 17% der hessischen Jagdfläche - und dem gewichtigen Streckenanteil bei Rotwild (ca. 45% des Rotwildes werden im Staatswald erlegt; zum Vergleich sind es beim Rehwild rd. 15%) konzentriert sich die Diskussion in erster Linie auf das Rotwild, seine Zukunft und die Verminderung der nicht zu bestreitenden Schäden.

Wald und Wild, Wald mit Wild, Wald oder Wild, das scheint hier die Frage zu sein, die sich die Beteiligten stellen und beantworten müssen.

Bei aller unterschiedlichen Interessenslage brauchte man jedoch über die Ziele jagdlichen Handelns nicht lange zu diskutieren; die Jagdgesetze geben sie uns vor (§ 1 BJagdG, §§ 1 u. 2 HessJagdG). Über die jeweiligen Definitionen – was z.B. ist ein "angepasster" Wildbestand, was ist ein "ausreichender" Lebensraum, was ein "verträgliches Miteinander" von Flur, Wald und Wild - lässt sich freilich trefflich streiten.

Zunehmend im Mittelpunkt der betriebswirtschaftlichen Überlegungen und Diskussionen bei HESSEN-FORST stehen die Wildschäden, ihre Ursachen und Entwicklungen, ihre tolerierbare Höhe und Möglichkeiten zur Verminderung der Schäden (siehe hierzu auch GA 1/2008).

Von Seiten der privaten Jägerschaft wird die Ansicht vertreten, dass nicht jeder Verbiss unbedingt auch ein Verbissschaden und nicht jede Schäle ein wirtschaftlicher Schaden sei (Die wirtschaftliche Wertigkeit des geschälten Baumes ist zur Abschätzung der Populationsdichte unerheblich. Landtagsdrucksache 16/568). Verwiesen wird auf Arbeiten von Prof. Dr. K. Mißbach, der 1999 feststellt: Verbiss– und Schälschäden an den Wirtschaftsbaumarten sind Folge der Nahrungsaufnahme minderwertiger Futterstoffe. Ursache für die Entstehung der Schäden ist also Hunger!

Ansätze für einen sachlichen Dialog finden sich in dem Projekt "Rotwildkonzepte im Einklang mit der Landeskultur" der Universität Göttingen, das von der Obersten Jagdbehörde und dem Landesjagdverband finanziert wurde. Aufgabenstellungen waren Ursachenforschung und Ansätze zur erfolgreichen Verminderung von Wildschäden im Wald (2003).

Überörtliche Bedeutung erhielt auch das sog. "Rotenburger Modell" (Hess. Forstamt Rotenburg) mit Maßnahmen zur Wiederbesiedelung rotwildleerer Teillebensräume im Rotwildgebiet und Verminderung der Schälschäden.

Wie geht es weiter? Ausblick:

Die Jagdausübung in den forstfiskalischen Revieren Hessens war im Laufe der letzten Jahrzehnte sowohl in den Zielvorgaben, den Konzepten wie auch in der praktischen Durchführung einem Wandel unterworfen und wird sich auch weiterhin – dem Zeitgeist, den äußeren Sachzwängen und den handelnden Menschen entsprechend – entwickeln.

Besonders deutlich wird dies bei der Frage, ob bestimmte Zielvorstellungen - beispielsweise die Herbeiführung einer dem Biotop angepassten Wilddichte – besser in Eigenregie oder durch Verpachtung zu erreichen sind. In der stetigen Frage des Wildschadens setzte man lange Zeit zusätzlich auf präventive Maßnahmen, während heute oft der Reduktionsabschuss die einzige Antwort ist.

Gerade die Problematik der Wildschäden bestimmt ausgeprägt das Handeln in den forstfiskalischen Revieren. Unbestritten ist, dass bei übersetzten Wildbeständen Schäl-, Verbiss- und Fegeschäden zu erheblichen wirtschaftlichen Verlusten führen. Wildverbiss kann darüber hinaus durch Veränderungen in der Zusammensetzung der Bodenpflanzen und Sträucher und durch selektiven Verbiss bevorzugter junger Waldbäume zur Störung des gesamten Beziehungsgefüges führen.

Positive Beispiele – auch in Hessen – belegen, dass bei etwas gutem Willen auch in einem Wirtschaftswald Wild in bejagbaren Mengen bei artgerechten Rahmenbedingungen und Habitatgestaltung seinen Platz bewahren kann. Forstlich/waldbauliche Prophylaxe-Maßnahmen, wie sie z.B. in Hinsicht auf Sturm-, Insekten- und Schnee-Kalamitäten und Umweltveränderungen angewendet werden, könnten auch den Standortfaktor Wild noch stärker berücksichtigen.

Die Umstellung von dem Altersklassenwald auf den naturgemäßen Waldbau als Standardform des Waldbaus im Staatswald Hessens wird in Zukunft zu stabilen, standortgerechten und dauerwaldartigen Waldstrukturen führen, die zugleich widerstandsfähiger gegen abiotische und biotische Gefahren sein werden. Auch naturgemäß aufgebaute Wälder sind und bleiben Wirtschaftswälder, die ökonomischen Nutzen bringen müssen! Für das Wald-Wild-Problem besteht jedoch die begründete Hoffnung, dass nach der Umbauphase mit einer hohen Verbissgefährdung eine Entspannung eintritt.

Insgesamt verstärkt sich der Eindruck, dass bei den grundsätzlich gleichrangigen Bewirtschaftungszielen des Staatswaldes künftig das finanzielle Ziel mit einem möglichst hohen Reinertrag ein größeres Gewicht erhalten wird.

Das Bundesjagdgesetz und das Hessische Jagdgesetz gelten selbstverständlich und uneingeschränkt auch für den Staatswald. Sie sind Rechtsgrundlage und nicht nur "Mitgeltende Vorschriften" wie es die GA 01/2008 formuliert. Interessant ist im Hinblick auf die Wildschäden eine Vorgabe in § 21 HessJagdG, in dem es heißt … Übermäßige Verbiss- und Schälschäden sollen vermieden werden … Übermäßige Wildschäden in der Landwirtschaft müssen vermieden werden … Ob wohl der Gesetzgeber bewusst diese Differenzierung zwischen sollen und müssen gewählt hat?

Auch im neuen Bundesnaturschutzgesetz (2008) finden sich Hinweise, die beim Umgang mit unseren wildlebenden Tieren, beim Biotopverbund und bei der Bewirtschaftung öffentlicher Flächen zu beachten sind.

Im Interesse des Wildes und der Jagd als traditionsreichem Kulturgut (LT-Drucksache 15/426) sollte der zunehmenden Sprachlosigkeit zwischen Förster-Jägern und der privaten Jägerschaft, gegenseitigen Schuldzuweisungen und der Pflege von Feindbildern entgegengewirkt werden. Auf örtlicher Ebene bieten sich dafür die Hegegemeinschaften an, die zum Ausgleich der konkurrierenden Ziele zwischen Forstwirtschaft und Jagd, zwischen Forstleuten, Privatjägern und Jagdgenossenschaften beitragen und gemeinsame, von allen Mitgliedern getragene Ziele und Maßnahmen festlegen können. Verständnis für die unterschiedliche Interessenslage, Schaffung von Vertrauen, Offenheit und guter Wille sind Grundvoraussetzungen für Problemlösungen. Aktuell zu nennen wäre etwa ein gemeinsames Handeln bei der überhand nehmenden Schwarzwildpopulation.

Wenn es um grundsätzliche Differenzen zwischen Forstwirtschaft und Jagd, zwischen Jagd und Naturschutz, zwischen Naturschutz und Forstwirtschaft und um Lösungsansätze geht, führt kein Weg vorbei an sachbezogenen Gesprächen und Abstimmungen zwischen dem Fachministerium, HESSEN-FORST, den Landesjägervereinigungen, dem Verband der Jagdgenossenschaften und Eigenjagdbesitzer und den Naturschutzverbänden.

In der Rotwildfrage hat HESSEN-FORST eine marktbeherrschende Stellung und damit auch eine besondere Verantwortung für diese Wildart. Ohne oder gar gegen HESSEN-FORST und den Großprivatwald geht in Hessen bei diesem Thema nichts. Die Rotwilderhaltung als gesetzlicher und gesellschaftlicher Auftrag darf nicht an betriebswirtschaftlichen Kostenerwägungen scheitern. Die Ausweisung von Rotwildgebieten, die Abschusspflicht außerhalb dieser Reservate und damit die Beeinträchtigung der Wanderbewegungen zwischen den einzelnen Populationen erscheinen nicht mehr zeitgemäß und widersprechen wildbiologischen und ökologischen Erkenntnissen. Der Teufelskreis zwischen Schälschäden – die einen Reduktionsabschuss erfordern – dieser führt zu hoher Wildkonzentration in den Waldkomplexen der Kernzonen – dadurch entstehen dort erhebliche Schälschäden – die wiederum zu einem erhöhten Reduktionsabschuss führen – u.s.w. – sollte aufgebrochen werden.

Von der Jägerschaft – auch auf forstlicher Seite - weitgehend unbemerkt, hat sich das Rotwild vom Erzfeind aller Wirtschaftswälder (so Dr. Heinrich Zimmermann, ehemaliger hessischer Waldbaureferent) bei Naturschützern zur ökologischen Leittierart (Der Rothirsch ein Fall für die Rote Liste? NABU 2002) gewandelt.

Das Jagdwesen, das Wild und hier speziell das Rotwild allein nach den Kriterien der Betriebswirtschaft zu beurteilen ist ein Irrweg und führt sowohl im privaten wie auch im fiskalischen Bereich in den allermeisten Fällen in die roten Zahlen. Trotzdem bleibt auch in diesem Falle für die Betriebe der öffentlichen Hand die Verpflichtung, nach dem ökonomischen Prinzip zu handeln, d.h. mit dem geringstmöglichen Aufwand den höchsten Ertrag/Erfolg zu erzielen.

Für HESSEN-FORST deutet sich hier vielleicht ein Weg an, sich mit einer umfassenderen ökologischen und seiner besonderen Gemeinwohlverpflichtung entsprechenden Ansicht und mit gesellschaftsbezogenen Leistungen an die "Spitze der Bewegung" zu setzen und diese nach außen entsprechend darzustellen.

Fazit:

Forstwirtschaft und Jagd haben grundsätzlich konkurrierende Ziele, die schon seither und jetzt verstärkt zu Problemen und Schwierigkeiten im Umgang miteinander führen. Diese unterschiedliche Interessenslage zu sehen und zu respektieren ist Grundvoraussetzung für Problemlösungen, zu der beiden Seiten durch Gesetzesauftrag und gesellschaftlichen Anspruch verpflichtet sind. Nur durch offene und zielorientierte Gespräche auf allen Ebenen kann man zu Annäherungen und Kompromissen kommen.

Optimistisch könnte man sein, wenn man im Leitbild von HESSEN-FORST liest:

Wir sind kompetente und aufgeschlossene Ansprechpartner für Bürger, Institutionen und alle gesellschaftlichen Gruppen, die sich mit dem Ökosystem Wald befassen. Wir machen uns für ihre berechtigten Anliegen stark. Bei Interessenkonflikten sorgen wir für einen sachgerechten Ausgleich.

Realistisch haben sich der Leiter von HESSEN-FORST, Michael Gerst und der Präsident des LJV-Hessen, Dietrich Möller in einer gemeinsamen Erklärung anlässlich der Vorstellung der JNA 2003 geäußert:

Punktuelle Konflikte zwischen "grünen" und "grauen" Jägern existieren immer noch allzu häufig. Aber es muss uns gemeinsam gelingen, diese mit nachbarschaftlicher Kompromissbereitschaft und jägerischer Professionalität zu lösen. Denn unsere Enkel werden uns nicht an gut gemeinten Absichtserklärungen, sondern an unserem waidgerechten Verhalten und den Ergebnissen unserer Jagd und des Waldbaus messen.

Zur Lösung des Wald-Wild-Problems hat der eingangs genannte Prof. Nüßlein für die Waldbesitzer und für seine Berufskollegen einen möglichen – sicher auch nach 50 Jahren noch brauchbaren - Weg aufgezeigt:

Die Lösung des Problems erfordert naturgemäß komplexe Maßnahmen hinsichtlich Organisation, Jagdbetrieb, Wildschadensverhütung, Hege und Forstbetrieb; sie liegt nicht in einseitigen Behelfen. Es ist keine große Kunst, Forstwirtschaft zu treiben, wenn man den Faktor Wild ausschalten würde, und es ist nicht schwer, Jagdwirtschaft zu treiben, wenn man auf den Wald keine Rücksicht zu nehmen braucht. Eine Kunst ist es aber, beide so zu treiben, dass Wald und Wild zu ihrem Recht kommen. Diese Kunst zu üben, wird vom Gesetzgeber gefordert und ist zudem reizvoll.

Stand: 31. März 2019