BDFaktuell 12 / 2017

BDFaktuell 12 / 2017
Die „feinen“ Unterschiede - Trugbilder einer „kritischen“ Öffentlichkeit  

Markus Betz

 
strukturreicher Mischwald

Foto: Markus Betz
 

Zu keiner Zeit standen den Bürgern so umfassende und sachliche Informationsmöglichkeiten bereit, wie sie heute in den aufgeklärten westlichen Demokratien zugänglich sind. Aber eine festverankerte „kritische Vernunft“ bei allen Menschen sucht man dennoch vergebens: Eliten eingeschlossen! Folgt man den Gedanken eines der bedeutendsten deutschen Philosophen, Immanuel Kant (1724 - 1804), so „(ist) Aufklärung der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.“ Bei den seit einigen Jahren erkennbaren gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen hat man manchmal jedoch den Eindruck, dass der klare und gesunde  Menschenverstand im Spannungsfeld zwischen Fortschrittsgläubigkeit und alternativen Fakten geradezu aufgerieben wird. Man hat inzwischen oft den Eindruck, dass nicht die ruhige und sachliche Analyse der ideale Weg zur optimalen Lösung unterschiedlichster Aufgaben, Herausforderungen und Probleme zu sein scheint, sondern eher die in der Öffentlichkeit geführte emotional befeuerte Debatte mit simplen Botschaften.

In unserem digitalen Zeitalter sind inzwischen möglichst viele „tweets“, „follower“ und „likes“ für zahlreiche Menschen, die sich bevorzugt und gerne in virtuellen Welten und weitab der gesellschaftlichen und physischen Realität bewegen, oft schon der Beweis für die Richtigkeit ihrer zum Teil absurden Theorien. Wenn dann bei der Auswahl klassischer Informationsmedien, wie etwa Büchern und Zeitschriften, auch noch auf populistische Veröffentlichungen zurückgriffen wird, welche die Welt in einem dogmatisch gezeichneten einseitigen, parteiischen und schrägen Licht (nach eigenen Vorstellungen) erscheinen lassen, wundert es nicht, dass der aufklärerische und sachliche Blick einem Nebel aus Fantasiegeschichten weicht. Ein „feiner“ Unterschied der öffentlichen Wahrnehmung!

Dieses an öffentlichen Stimmungen ausgerichtete Handeln hat in den letzten Jahren sicher dazu beigetragen, dass auch die Leistungen der deutschen Forstwirtschaft und des dafür verantwortlichen Forstpersonals kaum die gebührende Beachtung in der Öffentlichkeit gefunden haben. So wurden im Zuge des sicher vorhandenen Reformbedarfs in den letzten 25 Jahren die eher kleinen, aber dennoch meist gut arbeitenden Forstverwaltungen, überproportional klein geschrumpft. Auch hervorragende Ergebnisse umfangreicher seriöser Untersuchungen, welche die fachliche Kompetenz von Forstleuten untermauerten, wie etwa die „Dritte Bundeswaldinventur" (BWI 3) für Deutschland und insbesondere auch für Hessen [2], haben den Prozess eines fortlaufenden Stellenabbaus in den Forstbetrieben und des Ansehensverlustes der Forstbranche bei einer teils schlecht informierten Bevölkerung (oft zusätzlich befeuert durch  Horrorgeschichten aus dem deutschen Wald) nicht verhindern können.

In Pressemitteilungen, Broschüren und Informationsschriften der öffentlichen Forstverwaltungen publizierte Hinweise, wonach Waldbesitzer und Forstleute erfolgreich und nachhaltig wirtschafteten, finden selten das Gehör einer größeren Öffentlichkeit. So bleiben auch Beteuerungen, wie sie etwa in der Schrift zu den hessischen Ergebnissen der BWI 3 [2] zu lesen sind, wonach „Dank integrativer, nachhaltiger und multifunktionaler Forstwirtschaft das Konzept „schützen und nützen" in Hessen reiche Früchte (trägt)“, beim breiten Publikum kaum Widerhall. Auch dass sich der hessische Wald in guter Verfassung präsentiere und im nationalen - wie internationalen (Anmerkung des Verf.) - Vergleich in vielen Bereichen eine Spitzenposition einnehme, bleibt so medial verborgen und - ganz im Sinne mancher Ökopropheten - im stillen publizistischen Kämmerlein. Ein „feiner“ Unterschied der Tatsachenbewertung!

Aus diesem Grund dürfte die Pressemitteilung des Hessischen Umweltministeriums und des Landesbetriebs Hessen-Forst zur Eröffnung des ersten Hessischen Staatswaldforums zur Beteiligung der Gesellschaft an der Formulierung der neuen „Richtlinie für die Bewirtschaftung des Hessischen Staatswaldes“ – kurz „RiBeS“ – im Grunde jede/n seit vielen Jahren naturnah wirtschaftende/n Förster/in dazu veranlassen, sich Fragen zu dem in der Öffentlichkeit gezeichneten Bild des deutschen - und hier im konkreten Fall des hessischen – Forstpersonals zu stellen.

Irritierend wirkt der politische Umgang mit den erfolgreich arbeitenden Forstleuten auch im Vergleich zu anderen personalpolitischen Entscheidungen und Verhaltensweisen. Denn wie anders ist es zu erklären, dass trotz objektiv festgestellter fachlicher Erfolge und hoher beruflicher Arbeitsbelastung Stellen im Forstbereich des Landes weiter gestrichen werden und die Besoldung im Grunde seit Jahren eingefroren wurde. Hier drängen sich Fragen auf: Der/die Förster/in als reiner Kostenfaktor? Wo bleibt die politische und gesellschaftliche Wertung der erbrachten Wohlfahrtsleistungen durch das Konzept „schützen und nützen"?  Man übertrage diese augenblicklichen Konstellationen im Forstbereich nur einmal gedanklich auf andere politische Felder der Bundes- und Landespolitik. Kann sich heute noch jemand vorstellen, dass ein Politiker den weiteren Stellenabbau bei der Polizei forderte? Es ist ja nicht allzu lange her, da waren Polizeibeamte bei etlichen Staatshaushältern und „zukunftsorientierten“ Politikern auch nur unnötige Kostenträger und in einer freien Gesellschaft eigentlich schon ein bisschen überflüssig. Seit den Ereignissen in  der Silvesternacht in Köln sind diese Behauptungen und das zugrunde liegende Denken ja plötzlich wie weggeblasen! Oder man denke an den Bildungsbereich. Käme hier jemand etwa auf die Idee, die massive Streichung von Lehrerstellen, selbst bei einem besseren Abschneiden im PISA-Vergleichstest, zu fordern? Nie und nimmer! Ganz im Gegenteil ist immer wieder die Forderung zu hören, die Lehrerstellen, insbesondere die der Grundschullehrer müssten unbedingt aufgewertet werden. Ein „feiner“ Unterschied in der Personalentwicklung!

Und um noch kurz beim Beispiel Bildung zu bleiben: Wäre etwa in Hessen ein Forum denkbar, in dem die Lehrpläne für die Schulen des Landes wesentlich von den Bürgern erarbeiten würden. Allein bei diesem fiktiven Gedanken, kann man sich die Reaktionen und fachlichen Einwände der Lehrerschaft ausmalen. Aber im Forstbereich und im Wald ist eben alles anders. Hier scheint jeder gefühlsmäßig überzeugte Bürger, überhaupt wenn er vorher von Natur-Protagonisten wie etwa dem Medien-Förster Wohlleben mit genügend Halbwahrheiten über „Das geheime Leben der Bäume“ [4] versorgt wurde, schon ein ausgewiesener Experte zu sein. Dabei hätten selbst an diesem Thema interessierte Laien die Möglichkeit, sich nicht nur bei kompetenten Forstleuten oder wenn man heimischen Förstern nicht ganz über den Weg trauen sollte, dann eben bei kompetenten, sachlich argumentierenden Biologen und Ökologen, wie etwa Torsten Halbe, über „Das wahre Leben der Bäume“ [4]  sachlich zu informieren. Schließlich wäre es sicher sinnvoll und wichtig, bei Fragen, die das gesamte Ökosystem Wald betreffen, die sachlich neutrale Expertise von Experten, wie etwa dem Göttinger Waldbauprofessor Christian Ammer [1] stärker zu Wort kommen zu lassen. Ein „feiner“ Unterschied in den fachlichen Kompetenzen!

An dieser Stelle scheint auch noch der folgende Hinweis für kritische Zeitgeister angebracht, um dem Vorwurf einer voreingenommenen forstlichen Berufsattitüde zu begegnen: Forstliche Öffentlichkeitsarbeit sowie die Aufgeschlossenheit und das  forstpolitische Engagement für gesellschaftliche Belange sind sicher seit den 1970er Jahren ein zunehmend fester Bestandteil der forstlichen Ausbildung, Praxis und des gesamten Berufsbildes. Über die bewährten forstlichen Traditionen hinaus hat sich der Forstberuf parallel zu anderen umweltpolitischen Prozessen - etwa der Ausarbeitung und Entwicklung des so genannten „sustainable development“ durch das Umweltprogramm der Vereinten Nationen - seit den 1970er und 1980er Jahren fortlaufend zu einer wissenschaftlich fundierten Praxis einer ökologisch orientierten Landnutzung mit umfassenden Nachhaltigkeitsanspruch  weiterentwickelt. Spätestens seit der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro im Juni 1992 und den Beschlüssen zur Agenda 21, den Kon­ven­tionen zum Klimaschutz, dem Schutz der Biodiversität und der Waldgrundsatzerklärung ist das verantwortungsbewusste globale Denken und erfolgreiche lokale Handeln fester Bestanteil der deutschen und auch der hessischen Forstwirtschaft. Ein „feiner“ Unterschied der geschichtlichen Wahrnehmung!

Zum Schluss kann man sich jedenfalls nur wünschen, dass die „feinen“ Unterschiede zwischen gefühlten Meinungen und realen Tatsachen in der öffentlichen Darstellung und Wahrnehmung des heimischen Waldes endlich auf breiter Front realistisch debattiert werden. Umfassende und unüberhörbare Aufklärung über die für die ganze Gesellschaft erbrachten Leistungen der forstlichen Akteure in Deutschland (und auch in Hessen) wäre sicher ein guter erster Schritt für die konstruktive Weiterentwicklung der forstpolitischen Rahmenbedingungen in Zeiten großer umweltpolitischer Herausforderungen. Bei Fragen der ökologischen Behandlung und Nutzung unseres Waldes sollte dann aber die fachliche Kompetenz von gut ausgebildeten Forstleuten an erster Stelle stehen – zumindest solange es sie noch gibt!

 
 [1] Ammer, Christian; Schall, Peter; Goßner, Martin M.; Fischer, Markus et al. (2017): Waldbewirtschaftung und Biodiversität: Vielfalt ist gefragt! AFZ/Der Wald, 17/2017, S. 20-25.
[2] HMUKLV (2014): Hessen Bäume, Wälder, Lebensräume - ausgewählte Ergebnisse der dritten Bundeswaldinventur (BWI3) für Hessen. ISBN 978-3-89274-369-9
[3] Halbe, Torben (2017): Das wahre Leben der Bäume. Dortmund: Woll. ISBN-13: 978-3943681758.
[4] Wohlleben, Peter [2016]: Das geheime Leben der Bäume. München: Ludwig, ISBN-13: 9783453280885.
 

 


 

Stand: 15. November 2017