BDFaktuell 10 / 2010

Wildnis - fremd, faszinierend

von Hans-Kurt Köhler

Vorab eine sicher provozierende Frage: Brauchen wir Wildnis in Deutschland? Wer braucht Wildnis?

Einige Beitragsautoren sind der Ansicht, Wildnis müsste in deutschen Nationalparken (NP) und auch in anderen Großschutzgebieten erst noch „erkämpft" werden. Sie benennen auch gleich die Gegner, gegen die gekämpft werden muss: Es sind die NP-Verwal-tungen, die „noch allzu sehr von Forstwirtschaft und Forstwissenschaft geprägt sind". Impliziert wird dabei die Forderung, endlich die Forstleute in den NP-Verwaltungen durch „richtige" Naturschützer zu ersetzen.

Diese Autoren wünschen sich, dass in den deutschen NP Wildnisgebiete entstehen, die großräumig (d. h. mind. 2.000 ha), straßenfrei, unentwickelt und sich selbst überlassen bleiben. Der Ökosystemschutz müsste bei einer Ausweisung von Wildnisgebieten aufgegeben werden, das Entwicklungsziel ist Wildnis.

Straßenfreie (auch keine Forstwirtschaftswege!) Wildnisgebiete sollten auch bei uns nur auf schmalen Pfaden zu begehen sein. Die Ranger sollten allenfalls mit Packpferden, Axt und Handsäge (Motorsäge ist verboten!) diese Pfade freihalten. Realistische Forderung oder Utopie?
Sicherlich ist der Hinweis sinnvoll und wichtig, Kindern und Jugendlichen, die der Natur zunehmend entfremdet werden, durch den Umgang in und mit der Natur, durch die Vermittlung von Kenntnissen und Zusammenhängen Alternativen zu Fernsehen, Computer und Spielkonsolen, zu Technik und Konsum aufzuzeigen (Wildnisbildung) . Braucht es dazu aber Wildnis in einem NP? Ist dies nicht durchaus in einer Kulturlandschaft oder in einem naturnahen Wald vor der Haustür möglich (positive Beispiele: Waldkindergärten; leider noch zu wenige!)?


Folgende Punkte sind bei der Wildnis-Diskussion bedenkenswert:

  •  Die von der IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources) entwickelten und weltweit geltenden Schutzgebietskategorien (I-Vl) lassen sich nicht vollständig auf deutsche Verhältnisse übertragen. Nicht zu vergleichen sind z. B. Flächengrößen und Besiedlungsdichte in Nordamerika mit mitteleuropäischen Verhältnissen.
    EUROPARC entwickelt zzt. Qualitätskriterien und -Standards für deutsche NP. Das Ergebnis sollte abgewartet werden!
  • Der Begriff „Wildnis" ist derzeit in Deutschland noch ohne jede rechtliche Definition und Normierung. Er ist darüber hinaus im allgemeinen Sprachverständnis negativ besetzt (unsicher, gefährlich, ungeordnet, abweisend).
  • Es gibt hierzulande keine Flächen, auf denen anthropogene Einflüsse weitestgehend fehlen oder große, unbeeinflusste Wildnisareale (Kategorie la und b der IUCN). Wie sollte z. B. die Forderung „Waldumbau auf das Entwicklungsziel Wildnis", das in 30 Jahren erreicht werden soll, ohne massive menschliche Einwirkungen umgesetzt werden?
  • Unsere Wälder werden seit Jahrhunderten von privaten und öffentlichen Waldbesitzern begründet, gepflegt und nachhaltig bewirtschaftet. Die allgemeinen Wohlfahrts- und Sozialwirkungen des Waldes stehen weitgehend kostenlos zur Verfügung.
  • Ein Ziel des Naturschutzes u. a. ist es, die Leistungsfähigkeit des Naturhaushalts und die Nutzungsfähigkeit der Naturgüter zu sichern und zu erhalten. Ist dies in großflächigen Wildnisgebieten möglich?
  • NP sind kein elitärer Selbstzweck. Großflächige Wildnisgebiete, nur auf wenigen schmalen Pfaden zu begehen, berücksichtigen nicht die Wünsche des „Normalbesuchers" eines NP und reduzieren die frei begehbare und nicht beliebig vergrößerbare Fläche.
  • Nach wie vor schwer vermittelbar ist es den NP-Besuchern und der Gesellschaft, wenn große Windwurfflächen, Borkenkäferbefall an stehendem Holz und der Verzicht auf die Nutzung wertvollen Stammholzes als gewollte Bestandteile der natürlichen Dynamik bezeichnet werden. Warum sollten die Investitionen und die Arbeit unserer Vorfahren in und für den Wald heute nicht dankbar genutzt werden mit der Verpflichtung, Gleiches für kommende Generationen zu leisten? Was würden wohl unsere Nachfahren sagen, wenn wir ihnen stattdessen auf großer Fläche „Wildnis" weitergeben würden? Wäre die vor unseren nachfolgenden Generationen zu verantworten?

Zurück zu der eingangs gestellten Frage: Brauchen wir Wildnis in Deutschland? Wer braucht Wildnis?

Wildnis bzw. ihre Entwicklung ist sinnvoll und wertvoll für wissenschaftliche Beobachtung, Begleitung und Forschung, sie ist mit Einschränkung wünschenswert für die Natur-, Umwelt- und Persönlichkeitsbildung von Kindern und Jugendlichen.

Die Ausweisung von großflächigen Wildnisgebieten wird jedoch von der Mehrheit unserer Bevölkerung - falls sie denn gefragt würde - weder akzeptiert noch toleriert werden.

 

BDFaktuell 10 / 2010
Seniorentreffen „60+" - Pensionäre pflegen das Miteinander!

von Michel Küthe

Am 20. Mai 2010 trafen sich zum 5. Mal die BDF-Senioren zu ihrem jährlichen Treffen. Ziel war in diesem Jahr das ehemalige Kloster Schiffenberg in der Nähe von Gießen. Der ehemalige Bodendenkmalpfleger des Landkreises Gießen, Herr Manfred Blechschmidt, führte uns durch die wechselvolle Geschich­te des Klosters, einer Stiftung der Gleiberger Gräfin Clementia, das mit der Säkularisierung Anfang des 19. Jahrhunderts zu einer Staatsdomäne des Großherzogtums Hessen (Darmstadt) wurde. Anfang der 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts ging der Besitz an die Stadt Gießen, die umfangreiche Sanierungsmaßnahmen durchführen ließ. Bei diesen Arbeiten wurden auch die Mauern einer fränki­schen Vorgängerburg außerhalb der späteren Klostermauern freigelegt und Nachweise über einer Besiedlung dieses Bergspornes seit 5.000 Jahren gefunden. Die romanische Basilika kann zurzeit nicht betreten wer­den, da der Stadt Gießen die erforderlichen Gelder für eine Sanierung fehlen.


Nach einem kräftigenden Mittagessen stand der Besuch des akademischen Forstgartens am Fuße des Schiffenberges an, ein Relikt aus den bedeutenden Zeiten der forstlichen Fakultät der Universität in Gießen. Der ehemalige Forstamtsleiter des FA Gießen, Herr FD i. R. Klaus Schwarz, führte uns gekonnt durch den Baumbestand des ehemaligen, der forstlichen Lehre dienenden Anlage. Die ältesten Kiefern stammen aus der Zeit von 1824, als Carl Justus Heyer in fünf Jahren auf 400 ha den völlig heruntergekommenen Stadtwald von Gießen wieder aufforstete. Eine dem Forsthaus angeschlossene Gastronomie wurde insbesondere von den Studenten, aber auch von der Gießener Bevölkerung gerne für eine gemütliche Rast besucht.

Nach einem gemütlichen Kaffeetrinken traten die Teilnehmer wieder die Heimreise an mit der Ankündigung, im nächsten Jahr sich im Mai ganz im Norden von Hessen zu treffen. Vorgesehen ist ein Besuch der schönen Fachwerkstadt Hann. Münden und ein Abstecher zur nordwestdeutschen forstlichen Versuchsanstalt. 

 

Stand: 29. Mai 2018