BDFaktuell 07 / 2010

Die Forstwirtschaft im Zielfeld des Naturschutzes - Ist eine Positionskorrektur nötig?

von Dr. G. Hütte von Essen

Die Praxis des Naturschutzes steht häufig vor der Herausforderung, dass die Zielsetzung nicht eindeutig und stringent ist, sondern dass mehrere Oberziele verwirklicht werden sollen – Vielfalt, Wildnis, Naturästhetik. Diese, aus der Geschichte des Naturschutzes kommende Mehrzieligkeit muss jedoch nicht unbedingt als hinderlich empfunden werden, sondern ermöglicht eine wechselnde Akzentsetzung und damit je nach Zeitströmung eine gewisse Anpassungsfähigkeit.

Der Terminus Naturschutz drückt nur unzureichend die damit verbundenen Ziele aus. Einerseits wird nicht nur Natur an sich, sondern auch kulturelle Werte, wie beispielsweise die Kulturlandschaft, geschützt (vgl. BNatSchG, Lübecker Grundsätze); andererseits hat der Naturschutz sich neben den statischen Schutzzielen auch entwickelnde Ziele gesteckt (vgl. BNatSchG).

Zum klareren Begriffsverständnis wird daher im folgenden, wenn Natur im Gegensatz zu Kultur als menschlich ungesteuerte Sphäre gemeint ist, von ”Natur im engeren Sinne” gesprochen, während der Terminus ”Natur” alleine alle diejenigen Felder umfasst, mit denen sich der Naturschutz beschäftigt. Das allgemeine Verständnis von ”Natur” ist unscharf und einer ständigen Inhaltsveränderung unterworfen (vgl. U. Beck, 1993). Der Terminus wird daher nur sehr vorsichtig verwandt.

Als die 3 Oberziele des Naturschutzes können gelten: Ursprünglichkeit/Wildnis, Diversität und Lebensqualität/Schönheit. Im Folgenden wird die These vertreten, dass jedes dieser Ziele in seiner Reinform – wenn überhaupt - nur auf kleiner Fläche erreichbar ist, weiträumig dagegen nur ein Kompromiß der drei Richtungen zielführend sein kann.

A) Ursprünglichkeit/Wildnis:

Endpunkt dieser Richtung ist die unberührte Natur. Aus menschlicher Sicht besonders reizvoll ist die Ursprünglichkeit der Natur im Gegensatz zum kulturell geprägten täglichen Umfeld.

Am reinsten wird dieses Ziel über den Prozessschutzgedanken vertreten (vgl. Jedicke 1995).

Ein geeignetes Instrument zur Erreichung eines Naturzustandes sind Totalreservate. Aber auch jede sonstige Einschränkung menschlichen Handelns führt zu mehr Natur. Bei Kenntnis des wahrscheinlichen Naturzustandes kann notfalls durch geeignete Maßnahmen ein Rückbau mit Zielsetzung einer Annäherung an den Naturzustand erfolgen, z.B. durch Gewässerrückbau, Flächenentsiegelung oder durch naturnahe Waldwirtschaft.

Natur i.e.S. wurde durch die Zielsetzung des Bundesnaturschutzgesetzes bislang nicht ausdrücklich geschützt. Erst mit der letzten Novelle wurde der Schutz von Natur und Landschaft „auf Grund ihres eigenen Wertes“ in den Zielkatalog des Gesetztes mit aufgenommen (§1 Abs. 1 BNatSchG). Dies ist nicht nur neu, sondern dem Gedanken des vorherigen BNatSchG konträr, wie Lorz in seinem Kommentar schreibt: „Die Natur wird nicht aus ethischen Gründen, überhaupt nicht um ihrer selbst willen geschützt, sondern ausschließlich für den Menschen; das sagt Abs. 1 s.E. mit einer nicht zu überbietenden Deutlichkeit“ (Lorz, A., S. 13). Allerdings wird auch im novellierten Gesetz der Wildnisgedanke im Zielkatalog nur mit nachrangiger Bedeutung verfolgt.

B) Diversität:

Das unter diesem Ideal anzustrebende Ziel ist eine möglichst große Vielfalt.

Vielfalt ist dabei nicht auf Biodiversität (Vielfalt des Lebens) beschränkt, denkt man beispielsweise an die Vielfalt geologischer Formationen, die Vielfalt in der Kulturlandschaft oder die Vielfalt des Eises der polaren und montanen Regionen.

Auch der Gesetzgeber spricht von Vielfalt im umfassenden Sinne (vgl. §1 Abs. 1 Pkt 1 und 3 BNatSchG), wenn auch die biologische Vielfalt ausdrücklich und als erstes Ziel genannt wird. Interessant ist, dass die biologische Vielfalt mit der Neufassung des Bundesnaturschutzgesetzes von der dritten an die erste Stelle der Ziele gerückt wurde.

Diversität ist nicht nur ein konservierendes Schutzziel, sondern kann Oberziel konsequenter Entwicklungskonzepte zur Anreicherung z.B. von Biotopen werden. Beispiele sind die zielgerichtete Pflege bestimmter Biotope (z.B. Magerrasen, Streuobstwiesen), die nach dem Wildnisgedanken sich selbst überlassen nicht existenzfähig wären, oder die Wiedereinbürgerung bestimmter Arten (z.B. Luchs, Auerhahn, Biber, Otter) aber auch die vor Jahrhunderten durchgeführte Anreicherung der heimischen Flora durch z.B. Edelkastanie und Walnuss.

Im Gegensatz zum Wildnis-/Ursprünglichkeitsziel, reicht zum Erreichen dieses Zieles das einfache Unterlassen von Maßnahmen nicht aus. Im Gegenteil ist hier der naturwissenschaftliche Spezialist gefordert, damit tatsächlich ein Höchstmaß an Diversität erreicht und dauerhaft erhalten werden kann.

Der biologischen Vielfalt dient auch die Förderung einer möglichst großen Vielfalt der Nutzung. Unterschiedliche Nutzungsarten schaffen unterschiedliche Biotope.

Extrem gedacht wäre die größte Annäherung an das Ziel maximaler Diversität der botanische bzw. zoologische Garten mit ihrer Vielfalt an Biotopen und Arten. Hieraus wird deutlich, dass das Ziel Diversitätsziel im Regelfall als Kompromiss mit anderen Naturschutzzielen verfolgt werden muss.

C) Lebensqualität/Schönheit:

Unbestritten dient Naturschutz der Lebensqualität des Menschen. Nicht umsonst sind viele Nationalparks und Naturschutzgebiete Besuchermagneten, z.T. zum Leidwesen derjenigen, die das Wildnisziel anstreben. Dies sieht auch der Gesetzgeber so, der schon im Gesetzesnamen die Landschaftspflege ausdrücklich erwähnt und Natur und Landschaft „als Grundlage für Leben und Gesundheit des Menschen“ schützt (BNatSchG §1 Abs. 1). Der Gesetzgeber sieht dieses Ziel in „Vielfalt, Eigenart und Schönheit sowie (dem) Erholungswert von Natur und Landschaft“ verwirklicht (BNatSchG §1 Abs. 1, Pkt. 3).

Auch die Erhaltung Naturgüter Luft, Wasser, Boden und Klima kann als Unterziel von Lebensqualität betrachtet werden. Der Gesetzgeber jedenfalls betont dieses Ziel so stark, dass man den Eindruck einer eigenständigen 4. Zieldimension erhalten könnte: Sicherung der „Leistungs- und Funktionsfähigkeit des Naturhaushalts einschließlich der Regenerationsfähigkeit und nachhaltigen Nutzungsfähigkeit der Naturgüter“ (BNatSchG §1 Abs. 1 Pkt. 2). Tatsächlich aber wird gerade zur Verwirklichung der Ziele Vielfalt und Ursprünglichkeit/Wildnis eine Optimierung der Leistungsfähigkeit (z.B. Magerrasen, Heiden) oder der Nutzungsfähigkeit (z.B. Moore) abgelehnt. Es erscheint daher eher gerechtfertigt, das Ziel der Leistungs- und Funktionsfähigkeit des Naturhaushalts in den Zielbereich „Lebensqualität“ einzuordnen.

Obwohl dem Ziel ”Schönheit” schon in den Ursprüngen des Naturschutzes eine besondere Bedeutung zukam (vgl. Kraft/Wurzel 1997) bzw. der Naturschutz einer gewissen romantischen Grundhaltung entsprang (Ebert, A. 1982) und es auch im Bundesnaturschutzgesetz neben Vielfalt und Eigenart als Ziel genannt wird, ist es in der Begründung für Naturschutzhandeln in den letzten Jahren in den Hintergrund gerückt.

Das Ziel Gesundheit wird in Deutschland selten mit dem Naturschutz verknüpft. In der französischen Naturschutzdiskussion dagegen spielt es eine größere Rolle (z.B. aménagement et nature 118/95).

Möglicherweise besteht in Deutschland in diesen beiden Bereichen verstärkter Handlungsbedarf.

Da diese drei Oberziele in der Regel in ihrer Reinform nicht vereinbar sind, ist im Einzelfall ein Kompromiss zu finden. Das Gleichgewicht der 3 Ziele läge im Schwerpunkt eines gleichseitigen Dreiecks. Es ist jedoch selten so, dass ein Entscheidungsträger alle 3 Ziele ausgewogen berücksichtigt. Dies liegt sicherlich daran, dass mehrdimensionale Sichtweisen schwerer vermittel- und optimierbar sind als eindimensionale Richtungsentscheidungen. Das Bild vom Zielausgleich im Zieldreieck kann hier die Kompromisserklärung erleichtern:

Abb.1: Das 3-Kräfte-Feld des Naturschutzes - Darstellung der Zielrichtungen innerhalb derer sich Naturschutzhandeln bewegt; die derzeitige Position der Forstwirtschaft außerhalb des Schwerpunkts mit Tendenz zum Wildnisziel angedeutet

Wo steht die Forstwirtschaft? Die aktuelle Position der deutschen Forstwirtschaft im Zielfeld des Naturschutzes ist nur annäherungsweise bestimmbar. Allerdings scheint das Ziel der Erhöhung der Lebensqualität gegenüber den eher biozentrischen Zielen Ursprünglichkeit/Wildnis und Biodiversität geringere Bedeutung zu besitzen. Ein Indikator dafür sind die gängigen Waldbiotopbewertungen, die meist nach den Kriterien Naturnähe, Vielfalt und Seltenheit/Gefährdung bewerten (vgl. Waldenspuhl 1991) - Kriterien, die nach Usher (1994) auch international die stärkste Verwendung finden. Die Kriterien Seltenheit und Vielfalt bewerten dabei beide die Zielerreichung bezüglich ”Diversität”, Naturnähe die Zielerreichung bezüglich ”Wildnis”. Die Zielerreichung bezüglich ”Lebensqualität/Schönheit” wird auf diese Weise nicht gemessen. In diesem Bereich besteht weiterer Inventur, Handlungs- und Ausbildungsbedarf.

Die Entwicklungstendenz der deutschen Forstwirtschaft in Naturschutzfragen geht derzeit eher in Richtung Wildnis, erkennbar an der vorrangigen Außendarstellung des Naturschutzhandelns von Forstbetrieben über Totalreservatsflächen oder sich selbst überlassene Einzelobjekte, wie beispielsweise Totholzmassen.

Demgegenüber spielt beispielsweise die Baumartenvielfalt eines Betriebes – insbesondere auch die Erziehung und Pflege seltener Baumarten – eine geringere Rolle. Selbst die Vielfalt der Bewirtschaftungsformen (z.B. Nieder-/Mittel-/Hochwald) wird zu Gunsten des Hoch-/Plenterwaldes einseitig harmonisiert. Die bevorzugten Verjüngungsmethoden inkl. des Wildeinflusses ebenso wie der bevorzugte Schutz dichter Altbestände führen weiter zu artenreduzierten Klimaxwäldern der wenigen in der langfristigen Konkurrenz überlegenen Arten.

Der ästhetischen Aufwertung der Wälder inkl. weiterer, das Wohlbefinden und die Gesundheit der Bevölkerung steigernder Maßnahmen, wird dagegen nur im Einzelfall Bedeutung beigemessen. Im Regelfall wird angenommen, dass dieses Ziel per se im Kielwasser der Waldbewirtschaftung bzw. des Wildnisgedankens miterreicht wird.

Positionsverbesserung: Geschichtlich gesehen hat sich der Naturschutz vom Bereich Lebensqualität/Schönheit her entwickelt. Die ersten Schutzgebiete, beispielsweise der Drachenfels bei Bonn, wurden geschützt, weil sie der Bevölkerung ans Herz gewachsen waren. Auch beim Artenschutz, wie beispielsweise beim Schutz von Vögeln, Orchideen oder Schmetterlingen spielte diese Werthaltung eine bedeutende Rolle. Gleiches gilt – wie der Name schon sagt – für die ursprünglichen Nationalparks. Auch die spontane Zustimmung eines Großteils der heutigen Bevölkerung zum Naturschutz resultiert aus dieser naturpositiven, ästhetischen Werthaltung heraus.

Die Schwerpunktverschiebung hin zu einer biozentrischen Argumentation ist für den Naturschutz mit Gefahren verbunden. Wird der Schwerpunkt des Dreikräftefeldes unausgewogen in eine spezielle Richtung verlassen, speziell die des Wildnisgedankens, insbesondere wenn Natur vor dem als Gefahr angesehenen Menschen generell geschützt werden soll, so ist die Sympathie und Unterstützung der Gesellschaft bedroht. Dies hat der dem gesellschaftlichen Aushandlungsprozess unterworfene Gesetzgeber gespürt und daher diesen Bereich, wie oben dargelegt, bewusst nicht als dominant gesetzlich fixiert.

Für die Forstwirtschaft scheint daher derzeit der Schwerpunkt frei für eine im Zielfeld ausgeglichenere Positionierung und Profilierung, die neben dem Ursprünglichkeits-/Wildnisgedanken und dem Diversitätsziel auch wieder mehr die naturästhetischen Aspekte in den Blick nimmt. Diese kann sich dabei der Unterstützung der Mehrheit der Bevölkerung wie auch der Legislative sicher sein, da Lebensqualität, Schönheit und vor allem Gesundheit zu den stabilen Werten unserer Gesellschaft gehören, die urmenschlich sind und damit kaum einem Wertewandel unterliegen.

Zusammenfassung: Der vorstehende Artikel ordnet die Komplexität und Widersprüchlichkeit der Naturschutzziele unter 3 extreme Oberziele, die ein 3-Kräfte-Feld aufspannen, in das Einzelentscheidungen im Sinne des Naturschutzes als Zielkompromiss eingeordnet werden können. Es wird versucht, die Forstwirtschaft im 3-Kräfte-Feld zu positionieren. Es wird empfohlen, die ausgleichende Position im Schwerpunkt des Dreikräftefeldes einzunehmen und sich dort aktiv zu profilieren.

 

Literatur

Aménagement et nature; 1995: Santé et environnement, Heft 118 Beirat für Naturschutz und Landschaftspflege beim BMU; 1995: Zur Akzeptanz und Durchsetzbarkeit des Naturschutzes, Natur und Landschaft 2/95, S. 51-61 Ebert, A. ;1982 : Naturschutzrecht, Beck-Texte im dtv, S. 9 Finke, L.; 1994: Kritische Anmerkungen zu Situation des Naturschutzes, Natur und Landschaftskunde 30, S. 73-78 Jedicke, E.; 1995: Ressourcenschutz und Prozeßschutz. Naturschutz und Landschaftsplanung 27, 4/1995, S. 125-133 Kraft, B./Wurzel, A.; 1997: Von den Anfängen bis zum 2. Weltkrieg, Natur + Landschaft 1/97, S. 3-11 LANA; 1991: Lübecker Grundsätze des Naturschutzes (Grundsatzpapier) orz, A.; 1985: Naturschutzrecht, Beck’sche Kurzkommentare, Verlag C.H. Beck Umweltministerkonferenz; 1997: Jenaer-10-Punkte-Erklärung der Umweltminister, 05.06.97, Punkt 4a Usher, M.; 1994: Erfassen und Bewerten von Lebensräumen: Merkmale, Kriterien, Werte, S. 17-47 in: Usher, M./Erz, W. (Hrsg.): Erfassen und Bewerten im Naturschutz, UTB Waldenspuhl, Th.K.; 1991: Waldbiotopkartierungsverfahren in der Bundesrepublik Deutschland, Dissertation, Freiburg im Breisgau

Stand: 29. Mai 2018